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Uyuni, Kamera-Odyssee.. und aktuelle Lage - 04.10.2003 (3)


Hi Ihr Lieben!

bin inzwischen in Sucre, der "Zweithauptstadt" neben La Paz, gelandet, die zwar nicht den Regierungssitz aber den Obersten Gerichtshof beherbert. Ich sitze bei offener Tuer in einem der vielen Internet-Cafes: diesmal ohne Bewirtung, dafuer mit lauter, ueberwiegend englischer Musik. Eben lief aber auch eine mir unbekannte Version von "99 Luftballons"... Nena verfolgt mich hier offensichtlich ... Neben mir flimmert der bewegte Bildschirm vor sich hin... wieder so ein kleiner Bolivianer, der eins der tausend Spiele spielt, bei dem er mal wieder gegen "das Boese" siegen muss... immerhin diesmal ton- und kommentarlos... :-)

Eben hat es draussen eine Weile vor sich hingenieselt.. hier ist inzwischen theoretisch Fruehling und somit auch Beginn der Regenzeit... Laut Zeitung variiert die Temperatur die Tage zwischen ca. 3 Grad Celsius nachts bis ca. 20 Grad tagsueber. In der Sonne ist es zeitweise sonnenstichig heiss, und im Schatten schon wieder reichlich frostig ist. Bolivien ist auch diesbezüglich ein Land der Gegensaetze - wenn auch hier schon weniger stark ausgeprägt, denn ich bin inzwischen schon "viel" tiefer... Sucre liegt in etwa auf 2.800 Höhenmetern, wenn PC-Betreuer und "Lonely Planet" recht haben... ...

SECHS STUNDEN BUSFAHRT FUER MEINE KAMERA...

Meine letzte Mail hatte ich Euch von Potosi, der mit ca. 4.100 Metern angeblich hoechst gelegenen Stadt der Welt geschickt... Am selben Tag verliess mich meine Kamera... und ich war kurzfristig doch reichlich verzweifelt, wie zumindest diejenigen von Euch gut nachvollziehen können, die mich und mein photographisches "Festhalt-Bedürfnis" etwas besser kennen.

Zunaechst klappterte ich alle Laeden in Potosi ab, die was mit Kameras zu tun hatten. Immerhin gibt es in dieser Stadt von ca. 162.000 Einwohner/innen überraschend viele Laboratorien oder zumindest Filmannahmestellen - und ganze drei Geschaefte, die auch zumindest ein Minimum an Kameras anbieten. Der Besitzer der im Lonely Planet-Fuehrer als einzige Anlaufstelle ausgewiesenen Casa Fernandez schickte mich zu einem Bastler gegenueber. Dieser betrachtete sich meine laedierte Olympus, deren Objektiv leider nicht mehr ausfuhr, und riet mir recht schonungslos, mich von ihr zu verabschieden. Das haette ich zu dem Zeitpunkt sogar getan, wenn ich eine akzeptable Alternative in Potosi gefunden haette. Leider waren jedoch die dort gebotenen Kameras entweder schon recht alte Modelle mit sehr geringem Zoom - oder relativ teuer und dennoch nicht ganz "das". Immerhin fand ich eine Olympus mit 130er-Zoom, allerdings die wohl vorletzte Version, und diese zum stolzen Preis von 2.195 Bolivianos (ca. 270 EUROS)... Verkehrte Welt - in Deutschland sind selbst neuere Modelle wesentlich günstiger. Wer sich ausser Touristen solche Geraete leisten kann? Zu meinem Glueck machte mir der nette Labor-Mensch von Kodak nebenan dann doch noch Hoffnung: Er meinte, wenn einer diese Kamera retten koenne, dann Senor Chang von Kodak in Sucre.... Sucre liegt zwar ca. 3 Bus-Stunden entfernt und stand erst fuer spaeter in meiner Reiseplanung, aber die Vorstellung, zu Uyunis faszinierenden Salzseen ohne oder mit "irgendeiner" Kamera zu fahren, war fuer mich fast undenkbar...

Somit ging ich abends nochmal einen leckeren Kaffee und Cognac in meinem Potosi-Lieblingscafe "Cafe y Cultura Gesta Barbara" trinken...

Cafe y Cultura Gesta Barbara
Cafe der 3-Frauen-Generationen "Gesta Barbara"


... und sass dann am folgenden Morgen bereits um 7.15 Uhr im Bus gen Sucre, wo ich kurz nach 10 Uhr ankam. Ein Mitarbeiter von Senor Chang nahm sich tatsaechlich gleich meiner Kamera an und meinte, ich koenne in ca. 1,5 Stunden wiederkommen, was ich dann etwas bangen Schrittes tat... "Sie" war noch nicht fertig, er wartete auf Ersatzteile, aber immerhin: Gegen 14.00 Uhr demonstrierte er mir stolz, dass seine nun doch ohne Ersatzteile gefertigte Improvisation gut funktionierte, - sofern der Deckel der Kamera vorsichtig und nur bis zu einer bestimmten Stelle zur Seite geschoben wurde... Da sein Chef allerdings nicht da war, hatten wir beide keine Ahnung, was dieses Kunstwerk mich nun kosten wuerde. Er meinte, ich solle ihm einen Preis vorschlagen - und als ich dann mal ganz vorsichtig "50, 60, 70,..whatever" vorschlug, meinte er, 60 Bolivianos seien in Ordnung. Richtig gluecklich nahm ich den naechsten Bus zurueck gen Potosi - zumal ich zuvor "fuer alle Faelle" bereits alle Photolaeden in Sucre nach geeigneten Tauschkameras abgesucht hatte und dort hoechstens einen Zoom-schwaecherern Canon-Kompromiss fuer ca. 220 US-Dollar gefunden hatte...

Somit stand meiner Fahrt nach Uyuni nicht mehr viel im Wege... nur, dass ich noch kein Busticket hatte, in meiner Potosi-Unterkunft nichts hatte waschen koennen und Richtung eisig gepriesenes Uyuni alle warmen Klamotten einigermassen frisch mitnehmen wollte.. Dank der netten Frau in der Waescherei "La Veloz" klappte die Waschlogistik tatsaechlich noch bis zum naechsten Morgen! Und mit ein bisschen Gondelei ergatterte ich im Busterminal fuer 40 Bolivianos auch noch ein Uyuni-Ticket. (Dieses haette eigentlich nur 25 Bolivianos gekostet... aber mangels Vergleichsmoeglichkeit vor Ort hab ich das erst bei der Rueckfahrt festgestellt...).

Zu meinem Glueck hatte ich ausnahmsweise mehr als genug Zeit fuer meinen Weg zum Busbahnhof eingeplant, denn an jenem Morgen blockierten Potosis Rentner alle zentralen Kreuzungen. Die Lozada-Regierung hat eine radikale Kuerzung der ohnehin nicht ueppigen Renten beschlossen. Da die Rentner nun landesweit nicht wissen, wie sie mit dem was ihnen dann noch bleibt ueberleben sollen, gehen sie in vielen Staedten auf die Strasse, machen Sitzstreiks auf Kreuzungen oder starten sogar Hungerstreiks.


Potosi
Kreuzungsblockade durch Rentnerinnen-Sitzstreik

UYUNI CALLING...

Die knapp 6 Stunden Busfahrt waren - was den Bus betraf - ziemlich uebel... der "ach so tolle" Platz Nummer 1 im Bus bot selbst fuer meine nicht allzu langen Beine kaum eine Lebens- geschweige denn Ausstreckchance, da der Sitz relativ kurz vor der Wand zum Fahrerabteil endete. Neben mir sass eine Indio-Frau, die sich zu meinem Glueck lieber auf meinen Fensterplatz setzte. So hatte ich immerhin zum Gang noch ein paar Zentimeter und "genoss" knapp 6 Stunden den Blick auf ein Plakat mit ca. 10 maennlichen hasslichen Muskelpaketen in fragwuerdigen Posen direkt vor meiner Nase... Das zwischendrin immer wieder geoeffnete Dachfenster sog einen eisigen Zugwind direkt auf unsere Sitzbank, woraufhin die aeltere Indigena-Frau trotz mehrerer Kleiderlagen und Decke immer mehr in sich zusammen kroch... Als der nächste Touri das Fenster wieder oeffnen wollte, sprach ich entnervt ein wuetendes Machtwort, woraufhin das Fenster dann tatsaechlich geschlossen blieb. Zugegeben... die Sauna war auch nicht doll... aber...

Waehrend der Pause genoss ich die Chance, mal meine Beine zu entfalten und bemerkte, dass der Italiener, den ich vorher in meinem Hostal getroffen hatte, einen wesentlich bequemeren grossen Bus (11 de julio) aufgetan hatte... und dies auch noch zum halben Preis, wie ich spaeter feststellte... Dafuer war "unser" Bus und dessen Fahrer etwas zuegiger unterwegs: Wir ueberholten den "11 de julio" trotz ueberwiegend schmaler und sehr kurviger Strassen mindestens zweimal... und es stiegen immer wieder unterwegs einheimische Passant/innen zu und aus...

Die Gegend, die wir durchfuhren, war sehr beeindruckend... viele Berge, karge steinige Landschaften, Schluchten, Wasserfurten, Schafe, Lamas, ganz selten ein paar Haeuser oder Orte...

UYUNIS REISEBUEROS IM PREISKAMPF

Als wir in Uyuni gegen 18.00 Uhr ankamen, wartete schon eine Traube von Vertreter/innen von Reiseagenturen auf uns, um uns in Hotels zu fuehren oder uns "ihre" Uyuni-Tour zu verkaufen. Schießlich kamen 99% aller Touristen mit demselben Ziel: Eine 1- bis 4-Tages-Jeep-Tour durch die traumhaft schöne karge Landschaft Suedboliviens - mit Abstecher zum Salzsee "Salar de Uyuni", zu vielen anderen bunten Seen, zu heissen Quellen,...

"Frueher" bestimmten der Salzabbau, staatliche Angestellte (Militaer, Polizei, Eisenbahn-Arbeiter,..) und die Grenznaehe zu Chile diese nachts klirrend kalte Stadt. Heute lebt Uyuni überwiegend vom Tourismus: In dieser kleinen wenig attraktiven Stadt gibt es inzwischen 50 (!) hart konkurrierende Reiseagenturen...

Zum ersten Mal auf dieser Reise liess ich mich tatsächlich von einer Frau "abschleppen"... Sie warb fuer die Agentur "Sol de Manana" und bot mir unverbindlich vorab ein Einzelzimmer zum wirklich guenstigen Preis von 25 Bolivianos (ca. 3 EURO) im Hotel Avenida, das mir vorab auch empfohlen worden war. Nach einigen Stunden abwaegen - ganz so schnell entscheiden sich Krebs- Frauen eben selten :-) - buchte ich dann sogar die Tour meiner "Werberin".

Uyuni
Froestelnder Blick auf das Arbeiter-Monument in Uyuni


Was ein Job! Die ueberwiegend weiblichen Vertreter/innen der Reisebueros versuchen von frueh morgens bis teilweise spaet nachts Tourist/innen davon zu ueberzeugen, sich fuer genau ihren Treck zu entscheiden... um mindestens einen Jeep voll zu bekommen (6 oder 7 Personen.. je nachdem ob eine Koechin mitfaehrt oder der Fahrer diesen Job mit uebernehmen muss). Dafuer verdient eine teilweise Rund-um-die-Uhr-Arbeiterin grade mal ca. 500 Bolivianos im Monat - durch 7,84 geteilt kennt Ihr den Euro-Wert...:-)...

Erschwerend kommt hinzu, dass die Tour selbst bei allen Agenturen fast gleich ist... nur Unterkuenfte, Essen und der Zustand der Jeeps variieren. Teilweise beeinhalten die Pauschalpakete Eintrittspreise (38 Bolivianos - ca. 5 Euro), bei anderen Agenturen sind diese inklusive ... und angeblich liegen sie dann alle so zwischen 60 und 80 US-Dollar... Aber wer weiss schon, wer hier was bezahlt... zumal da ein "Trick" ganz gut Abhilfe schaffen duerfte: Ich - und eventuell auch andere - wurde zweimal gebeten, ich solle doch bitte den anderen Tourist/innen nicht sagen, wie wenig ich bezahlt habe, damit es da keinen Aerger in der Gruppe gebe. Mein bereits am Bus als Koeder ausgesprochenes Angebot sei naemlich extrem guenstig gewesen und andere haetten mehr als ich bezahlt... Tja - mir schien "mein Preis" in Ordnung. Und wer eventuell weniger bezahlt hat, will ich jetzt auch nicht mehr wissen... :-)

"Mein Preis" muss dieses Mal auch einer der niedrigeren gewesen sein. ... Ich hatte mich vorab auch bei den im Reisefuehrer gelobten Tonito Tours erkundigt. Dort wollten sie 75 Dollar von mir - zzgl. Eintritt. Da die Vertreterin "meiner" Agenur "Sol de Manana" bis zum naechsten Morgen trotz Nachtschicht nur 4 Schaefchen hatte einsammeln koennen, wurden wir dann in die Tonito-Gruppe integriert. Dies war sicher kein Nachteil. So fuhr unser Jeep im losen Verbund mit zwei weiteren Tonito-Jeeps und da wir insgesamt 19 Touris auch in den selben Unterkuenften uebernachteten, war die "Auswahl" an moeglichen Gleichgesinnten groesser... :-)

Und jetzt regnet es schon wieder hier draussen und ich brauche mal eine Pause... Ihr wahrscheinlich auch. Somit muesst Ihr auf den Uyuni-Bericht nun doch noch etwas warten...

Aber was ich Euch grad doch nicht vorenthalten kann und will ist noch ein ganz kleiner Blick auf die doch sehr bewegte Situation hier im Land:

BOLIVIEN IM UMBRUCH?!

Wie oben berichtet, blockierten Potosis Rentner/innen die letzten Tage die Kreuzungen ihrer Stadt. Parallel dazu marschierten viele Minenarbeiter/innen mit Protestmaerschen durch die Stadt. Sie fordern finanzielle Unterstuetzung fuer das Minenprojekt "St. Bartholomee". Zur Bekraeftigung dieser Forderung haben einige von ihnen auf dem zentralen Platz in Potosi ein Zelt aufgeschlagen und sind in Hungerstreik getreten.

Landesweit sieht es seit 17 Tagen - so ziemlich seit meiner Ankunft - nicht viel besser aus: Zentren des Auf- und Widerstands sind La Paz, das Altiplano (oberhalb von La Paz gelegen... dort ist auch der Flughafen von La Paz) und einzelne entlegenere Gegenden und Orte.

In den Orten Sorata, Warisata und Luquisani sassen die Tage in- und auslaendische Reisende wider Willen bis zu 10 Tage durch Strassenblockaden und aufstaendische Bauern fest. fest. In allen drei Orten wurden diese inzwischen befreit. In Sorata und Warisata starben bei der Befreiung fuenf Bauern und ein Angehoeriger des Militaer. Nach der "Befreiungsaktion" in Sorata setzten wuetende Campesinos dort ein Hotel in Brand. Dies gehoerte einem deutschen Unternehmer, der nun Schadensersatz von der bolivianischen Regierung fordert - mit dem Argument, sie habe nicht adaequat auf seinen Besitz aufgepasst. Dies duerfte der zentrale Grund sein, warum am Tag darauf der deutsche Botschafter dazu aufrief, nicht mehr nach Bolivien zu reisen....

Die ca. 350 Festsitzenden in Luquisani wurden von einer Friedenskarawane von Vertretern von Kirchen und "Menschenrechtlern" friedlich befreit. In Copacabana am Titikakasee sitzen angeblich weitere ca. 300 Personen durch die Blockaden fest...

Die Vereinigung der bolivianischen Arbeiter COB hat darueber hinaus fuer ab 29. September zum unbefristeten Generalstreik und zu landesweiten Strassenblockaden aufgerufen. Dieser Aufruf wurde zunaechst jedoch nur von 4 der ca. 65 Gruppierungen (Lehrer, Minenarbeiter,Rentner und eventuell auch die Fleischer) befolgt...

Proteste im Land
Landesweite Proteste


Da die Gemuesezufuhr nach La Paz zeitweise von Norden und Sueden nur eingeschraenkt moeglich war, sind die Marktpreise heftig gestiegen. Inzwischen soll dies aber wieder in etwa ausgeglichen sein. Fast taeglich marschieren protestierende Interessengruppen durch das Zentrum von La Paz. Die Regierung hat mit staerkerer Bewachung der eigenen Gebaeude reagiert.

Urspruenglich war die zentrale Forderung "Kein Ausverkauf von bolivianischem Gas an USA/Mexiko ueber einen chilenischen Hafen". Stattdessen solle das Gas massiv für die Industrialisierung Boliviens eingesetzt werden. Darauf hat der Präsident de Lozada überwiegend mit großen Erklaerungen reagiert, die in den Zeitungen als Aufruf an das Volk veroeffentlicht wurden. Dies war den meisten Protestierenden bei weitem zu wenig. Inzwischen gehen die in den Straßen skandierten Forderungen weit über das Gas-Problem hinaus. Immer lauter wird auch der Ruf "Weg mit diesem Praesidenten"!

Fuer ab naechsten Montag hat die Gewerkschaft der Transportunternehmen zu landesweiten Streiks aufgerufen...

... UND ICH MITTENDRIN... :-)

Ich muss mich entscheiden, ob ich dann noch in Sucre oder schon in Cochabamba bin... aber vielleicht streiken sie auch nicht. Hier kann sich von einem Tag auf den anderen alles aendern..

Somit... es wird mir hier sicher nicht langweilig... :-)

Hier in Sucre ist momentan noch alles friedlich... :-)

Jetzt aber nix wie raus hier... der kleine Bolivianer neben mir ist laengst weg und ich habe Hunger... Draussen regnet es wieder.

Euch allen liebe Gruesse!

Babette
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