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Von Sucre gen Cochabamba - 09.10.2003 (4)


Hi Ihr Lieben!

ganz schoen viel passiert seit meinem letzten Bericht... wer sich nun auf meinen Bericht von Uyuni und den Salzseen gefreut hat, hat vorerst Pech gehabt und muss sich noch etwas gedulden...

Bin inzwischen in Cochabamba gelandet, der drittgroessten Stadt Boliviens. Laut meinem doch etwas veralteten Reisefuehrer haben vor ca. 8 Jahren hier ca. 400.000 Menschen gelebt, in der heutigen Zeitung stand was von 1,4 Millionen Einwohnerinnen, aber wahrscheinlich gilt diese Zahl eher fuer die ganze Provinz... zumal ganz Bolivien nur ca. 8 Millionen EinwohnerInnen zaehlt... Finde es immer wieder spannend, wie solche Zahlen unterschiedlicher Quellen so voneinander abweichen können... Der Typ hier im Cafe meinte die Stadt naehere sich der Millionengrenze... werde meine Umfrage fortsetzen... Jedenfalls liegt diese Stadt auf einem freundlichen Klimalevel von ca. 2.500 Hoehenmetern und ich sitze hier im kurzarmigen "Hemdchen"... :-)

Bolivien im Umbruch

Die politische Lage hier spitzt sich zu. Zentrale Zentren des Widerstands sind immer noch La Paz, El Alto und einige laendliche Provinzen. Aber es gibt auch zunehmend Protestaktionen in anderen Staedten wie Potosi, Cochabamba,....

Cochabamba
Proteste in Cochabamba (I)


Bei den inzwischen taeglichen Protestmaerschen in La Paz und El Alto kam es gestern wieder zu Ausschreitungen. Einzelne, die trotz ausgerufenem Streik ihre Laeden oeffneten, wurden bedroht und teilweise angegriffen. Fahrer von Bussen und Taxen fuerchten um Fahrzeug und ihre Unversehrheit... Immer mehr Gruppierungen fordern inzwischen nicht nur, dass Boliviens Gas nicht exportiert wird (und wenn, dann keinesfalls ueber den Hafen ihres Erzfeindes Chile!) sondern auch den Ruecktritt des Praesidenten Gonzalez Sanchez de Lozada, hier auch "Goni" genannt. Dieser sagte gestern Gespraeche mit den Rentnern und den Cocaanbauern bei La Paz (Yungas) zu, weigerte sich aber deutlich, Gespraeche mit anderen protestierenden Gruppierungen aufzunehmen. Aber das kann morgen schon wieder anders aussehen. Der Druck waechst, was die Regierung zu verharmlosen versucht. Es werden immer wieder Informationskampagnen zu dem Verkauf des bolivianischen Erdgas angekuendigt. (Das erinnert mich immer wieder stark an deutsche Politiker-Aussagen: "wir muessen es nur richtig vermitteln"). Ob es hingegen zu dem von vielen Seiten geforderen Referendum in dieser Frage kommt, ist fraglich.

Cochabamba
Proteste in Cochabamba (II)


Cochabamba
Proteste in Cochabamba (III)


Wie mir die heutige Zeitung verriet, steht Bolivien bei Transparency International inzwischen nur noch auf dem 4. Platz der korruptesten Laender Lateinamerikas (von Platz zwei runtergerutscht...) - hinter Haiti, Paraguay und Ecuador ... Da die Beurteilung stark von "weichen" Faktoren und Einschaetzungen abhaengt, darf allerdings an einer massiven Verbesserung gezweifelt werden.

Verschaerft hat sich die Situation auf Boliviens Strassen. So werden die Verbindungsstrecken von La Paz in Richtung Titikaka-See und Copacabana, in Richtung Coroico und Yungas (die Gegend der Coca-Anbauer) und suedlich nach Oruro immer wieder neu blockiert. Polizei und tw. Militaer kommen kaum damit nach, die Steine und Felsstuecke auf den Strassen wegzuraeumen... Denn schon sind sie am naechsten Morgen wieder da. Einige Strecken werden daher von Busunternehmen nicht mehr bedient. Überlandfahrten nachts sind jetzt Seltenheit. Die Regierung bemueht sich, die zunehmenden Strassenblockaden mit Patrouillen zumindest in einem zeitlich ueberschaubaren Mass zu halten. Allerdings ist es mehr als fraglich, ob dies gelingt. Goni hat den Blockierern mit Gefaengnisstrafen gedroht.

Leider (fuer mich) ist auch der Weg von Cochabamba gen Sueden (Santa Cruz und Chapare-Gebiet) durch protestierende Landarbeiter immer wieder blockiert... Die einzig sichere Alternative gen Santa Cruz ist hier nach Aussagen der meisten das Flugzeug... Bei Santa Cruz liegt Samaipata, eine sehr interessante Ruinenstaette. Und "dort unten" liegt auch Vallegrande und La Higuera, die Gegend in der Ernesto "Che" Guevara am heutigen 8. Oktober 1967 ums Leben kam. Da waere ich schon noch gerne hingefahren... Eine Soli-Gruppe aus Ruesselsheim unterstuetzt dort auch ein Projekt. Wie bei meiner Reise vor zwei Jahren wird es aber erneut an blockierten Strassen scheitern. Schade. Dafuer hab ich mir heute eine beeindruckende Portrait-Ausstellung zu Che Guevara angesehen. Als ich den jungen Kuenstlerin meine Anerkennung aussprach, kamen wir ins Plaudern und sie lud mich glatt zu einem abendlichen Empfang einer linken Protestpartei ein. Ich war nur kurz dort, aber das war auch eine spannende Erfahrung.

UNTERWEGS IN BOLIVIEN

Meine Fahrt von Sucre hierher war auch nicht so "ganz ohne". Sowohl in meinem Hostal als auch im Reisebuero in Sucre war mir unbedingt empfohlen worden, lieber erst abzuwarten und am selben Tag erst ca. 1 Stunde vor Abfahrt ein Ticket zu kaufen, um sicher zu gehen, dass der Weg nach Cochabamba blockadenfrei befahrbar sei... Daran hielt ich mich dann auch ...

Allerdings wollte ich eigentlich mal raus aus den Staedten und ein bisschen aufs Land. Daher kam mir ein Flyer gerade recht, in dem Mizque, ein vertraeumter Ort mit ca. 3.500 EinwohnerInnen, als geeigneter Zwischenstopp auf ca. der halben Strecke zwischen Sucre und Cochabamba empfohlen wurde. Mit etwas Suchen fand ich dann am Busterminal immerhin eine Busgesellschaft, die diesen Ort angeblich anfuhr: Trans Copacabana. Und die hatten auch nur noch Plaetze in ihrem doppelt so teuren "Schlafbus" frei... Trotz meines klar geaeußerten Wunsches, nach knapp der Haelfte der Fahrt auszusteigen, musste ich die Fahrt bis Cochabamba komplett bezahlen. Schließlich nahm ich ja einer sonst voll zahlenden Person den Platz weg.. Mangels geeigneter Alternativen bezahlte ich. Kurz vor der Abfahrt teilte mir der Busfahrer dann mit, dass er - um moegliche Blockaden zu vermeiden - Mizque doch nicht anfahren werde. Aber ich koenne ja in einem anderen Ort etwas vorher aussteigen und dann von dort aus schauen (gegen Mitternacht!), wie ich nach Mizque weiter kaeme... Das fand ich alles nicht so ueberzeugend und entschloss mich - ciao Mizque! - dann eben doch bis Cochabamba mitzufahren (ca. 19.00 bis ca. 5.00 Uhr morgens)... dann muss mein Land-Aufenthalt eben auf bessere Zeiten warten...

Die Fahrt selbst war aber auch so spannend genug. Nach ein paar Stunden eingedoest, wachte ich durch ein deutliches Bremsen des Fahrers auf und sah im Dunkeln grad noch eine Strassenblockade. Erfreulicherweise entpuppte sich diese jedoch als keine der landesweit angekuendigten Blockaden, sondern als eine ganz "regulaere" von Strassenarbeitern. Wir bogen auf einen steinigen Holperpfad ab, der mindestens fuenf mal einen zum Glueck nicht allzu breiten Fluss kreuzte... In diesem Augenblick bereute ich es, meinen Fensterplatz einer jungen Bolivianerin abgetreten zu haben... Kann mich nicht daran erinnern, schon mal einen Bus gesehen zu haben, der sich in völliger Dunkelheit immer wieder wie ein Jeep durchs Flussbett kaempft.. (aber vielleicht werde ich das auf dieser Reise noch haeufiger sehn). Wir hielten immer mal wieder, es ertoenten Stimmen, dann ueberholten wir LKWs und andere grosse Fahrzeuge. Es wirkte alles doch etwas gespenstisch. Alles was von den Scheinwerfern nicht gestreift wurde, lag in kompletter Dunkelheit.. in der Mitte von "nichts"...

An einer Stelle hielten wir etwas laenger - es schien mir eine Ewigkeit - und eine Frau meinte "no hay paso... da kommen wir nicht weiter"... Aber dann raeumten sie doch eine weitere Bauarbeiter-Strassensperre beiseite und wir durchquerten eine weitere breite Furt... gefolgt von einer langen Reihe anderer grosser Fahrzeuge, deren Scheinwerfer in diesem sonst finsteren Tal flackerten... Dann irgendwann ging es aber doch wieder auf einer groesseren Strasse weiter... und ich schlief wieder ein. Gegen 22 Uhr machten wir irgendwo an einem Restaurant - mit einigen anderen Bussen - eine Pause.. die einzige Pinkelpause in 10 Stunden... denn sowas wie eine Toilette ist mir noch in keinem meiner Transportmittel hier begegnet...

Dann wachte ich irgendwann gegen 3 Uhr morgens nochmal auf, da das Deckenlicht angeschaltet wurde und der Busbetreuer mit den Worten "Strassenblockade - bitte 2 Bolivianos von jedem" Geld einsammelte.... - in seiner Backe eine dicke Kugel aus Cocablaettern. Gesehen hab ich nix in der Dunkelheit... aber immerhin kamen wir dann irgendwann nach 5.00 Uhr heut morgen in Cochabamba an, wo mich ein freundlicher Taxifahrer auch gleich zu einem Hostal meiner Wahl fuhr. Nach einigem Klopfen oeffnete ein verschlafener junger Mann und fuehrte mich zu einem Zimmer an einem sonnigen Innenhof... Leider sind die Matratzen sehr durchgelegenen... aber was sonst fuehle ich mich dort wohl...

Nach einem ausgesprochen leckeren Mittagsbuffet in einem indisch-vegetarischen Restaurant (!) bin ich nun wieder hier im Internet-Cafe versackt... Ein Hoch auf die Monitore - meine Augen gluehen... nix wie raus hier!

Euch ganz liebe Gruesse aus dem Land der vielen Jojos... und glaubt ja nicht, dass ich hier von Handyklingeln verschont waere...

Babette

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