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Landeswechsel - Nicaragua! - Managua - vom 28.11.2003 (9)


Hi Ihr Lieben!

bin inzwischen schon ueber drei Wochen in Nicaragua... Die Zeit fliegt nur so dahin...

Meine Reise hier in Nicaragua ist anders:
  • Wie einige von Euch wohl schon bemerkt haben, bin ich hier seltener in Internet-Cafes - es scheint gibt auch viel weniger zu geben als in Bolivien...
  • Es gelingt mir hier relativ selten, Zeitungen aufzutreiben...
  • ...und Nicaragua liegt viel tiefer als Bolivien...Somit ist es fast ueberall viel waermer... Und bruetende Waerme bremst etwas...
  • die Situation im Land ist fuer mich immer noch etwas unuebersichtlich... (was aber sicher auch mit den nur gelegentlich zugaenglichen Informationsquellen zusammen haengt...)


  • All diese Gruende - und wohl noch ein paar mehr - haben meine "Berichte aus Nicaragua" etwas ausgebremst... So eine Sendepause tut mir aber auch mal gut... Aber nachdem ich von vielen von Euch so tolle aufmunternde Rueckmeldungen bekommen hab, melde ich mich hiermit zurueck....

    VON BOLIVIEN NACH NICARAGUA

    Habe Euch noch nicht einmal von meinen letzten Fluegen berichtet: Ist auch alles gut gegangen, wurde nirgends bestohlen, mein Gepaeck ging nirgends verloren und die Fluege hatten noch nicht einmal sonderlich nennenswerte Verspaetungen (klopfe innerlich auf Holz)... Aber so ein bisschen aufregend fand ich meine Reise von La Paz gen Nicaragua doch: Nach einer Stunde Flug von La Paz nach Santa Cruz gefolgt von zwei Stunden Wartezeit hob mein Flieger der Lloyd Aero Bolivia ab gen Panama City, wo ich nach ca. 5 Flugstunden landete... so irgendwann zwischen 2 und halb drei Uhr morgens. Da mein Weiterflug erst gegen neun Uhr morgens war und ich in Panama auch Fluglinie wechselte, musste ich meinen grossen Rucksack abholen.. Leider war zu dieser nächtlichen Stunde aber kein Schalter offen, an dem ich mein 15kg-Schmuckstueck wieder haette deponieren koennen... Die naechsten 40 Minuten verbrachte ich dann damit, heraus zu finden,

    1) ob es sich lohnt, doch noch ein Hotel fuer die naechsten Stunden zu suchen

    2) wo ich im Zweifelsfall meinen Rucksack lassen kann, falls ich irgendwo im Flughafen uebernachte... und

    3) wie ich sicher stellen kann, dass ich fuer die Ausreise aus Panama keine 20 US-Dollar bezahlen muss...

    Nun... 1) erwies sich als ziemlich teuer und illusorisch... Fuer 2) fand sich nach einigem Rumfragen doch die Loesung einer von den Traegern dort verwalteten Gepaeckaufgabe... allerdings ausserhalb des Transitbereichs... weswegen ich zugunsten von 3) mehreren Menschen meine Ein- und Ausreisezeiten ausfuerhlich schildern und mir das Ganze von einer anderen Stelle noch schriftlich bestaetigen lassen musste... Wer sich naemlich laenger als acht Stunden in Panama aufhaelt - und sei es im aeußeren Bereich des Flughafens - gilt als "eingereist". Diese Personen muessen dann - auch wenn sie das Flughafengelaende nie verlassen haben - die offizielle Ausreisegebuehr von 25 US-Dollar bezahlen. Auch so laesst sich ohne viel Aufwand einiges an Geld verdienen. Aber zum Glueck wurde ich von einem freundlichen Einreisebeamten vorgewarnt worden... und erfreulicherweise der Landessprache mächtig... Ansonsten zweifle ich doch sehr daran, dasselbe Ergebnis erzielt zu haben.. :-)

    Die Zeit zwischen irgendwann nach 3 Uhr und ca. 7 Uhr ueberbrueckte ich auf einem Stueck Fussboden - in Sichtweite eines nachts besetzten Security-Bereichs... "musste" ja schliesslich bei meinem Gepaeck ausserhalb des Transitbereichs bleiben... :-) Dort "genoss" ich den "Luxus" einer doppelten Beschallung als Einschlafmusik: Im Flughafen-Gebaeude erklang - weiss nicht bis wann morgens - ziemlich laute Klassikmusik. Na... und da die Security-Leute darauf wohl auf die Dauer wenig Lust hatten, uebertoenten sie dies aus ihrem Buero mit Latino-Musik ... Irgendwie schlief ich dann trotzdem ca. 2-3 Stunden auf dem Fussboden... bis mich die Geraeuschen des erwachenden Flughafens weckten...

    WillkommensgrußFlughafen-Gruß
    Panama Flughafen


    Die Gepaeckkontrolle im Drogen-Durchreiseland Panama ist besonders streng. Mein saemtlichen Habseligkeiten wurden nicht nur bei der naechtlichen "Einreise nach Panama" von einem Hund beschnueffelt und nochmal komplett durchleuchtet, sondern auch intensivst bei der morgendlichen Ausreise. Dort wurde dann mein "gefaehrliches" BIC-Feuerzeug (das von Dir - Astrid!) im Handgepaeck als gefaehrlich eingestuft und entwendet. Offensichtlich brauchte da jemand eins... aber jeglicher Protest war ohnehin zwecklos.. und die winzige ausklappbare Nagelfeile in meinem Naegelklipser wurde ebenfalls ohne Rueckfrage mit energischem Rausbrechen entfernt... ich koennte ja damit den Piloten erstechen...

    Beim Warten auf den naechsten Flieger lernte ich einen sehr netten Salvadorianer kennen, der mich einlud, nach ein paar Wochen in Nicaragua doch noch einen Abstecher in sein Land zu machen. Spontan gelang es uns im Flieger Sitze zu tauschen und den Flug gemeinsam zu genießen. Dort erzaehlte uns eine nette nicaraguanische Haendlerin von kuerzlichen Verschleppungen eines Mitglieds ihrer Familie... Der Verschleppte wurde tatsaechlich gegen Loesegeld wieder auf freien Fuss gesetzt. Sie - und auch die Polizei - wuessten auch genau, welche Bandenmitglieder hinter dieser und weiteren Aktionen steckten. Aber es werde von Seiten der Polizei nichts unternommen. Sizilianische Verhaeltnisse. Was sie erzaehlte, klang keineswegs erfunden und beunruhigte mich zugegebenermaßen doch etwas. Sie riet mir, bei meiner Nicaragua-Reise moeglichst vorsichtig zu sein.

    Die Einladung des Salvadorenos, sein kleines Land an seiner Seite kennen zu lernen, schien mir zwischenzeitig auch ein durchaus attraktives Angebot, Inzwischen hab ich mich aber in Nicaragua "verguckt" (in das Land!) - und will von den eingeplanten rund sechs Wochen dort nix an El Salvador abtreten...

    NICARAGUA - EIN PAAR FAKTEN

    ...ist verglichen mit Bolivien (ueber 1 Mio. km2) ein sehr kleines Land.. Seine Flaeche von rund 130.000 km2 passt fast dreimal in die Flaeche Deutschlands... und dennoch ist Nicaragua - nach Mexico - das groesste Land Zentralamerikas. Es liegt zwischen Honduras im Norden, Costa Rica im Sueden... mit Pazifik im Westen und Karibik im Osten... Im riesigen Bolivien leben rund 8 Millionen Menschen, im kleinen Nicaragua rund 5 Millionen... Tendenz steigend. Und auch in Bezug auf seine Bevoelkerungsstruktur hat Nicaragua ganz eindeutig GANZ andere Probleme als Deutschland: Ueber 70% der Bevoelkerung ist unter 30 Jahre alt, angeblich sogar 50% unter 15 Jahre... Die Statistiken sind unterschiedlich unglaublich, aber in der Tendenz sehr aehnlich. Familien mit 15 Kindern und mehr sind hier keine Seltenheit. Mehr zu Geschichte und Politik spaeter...

    MANAGUA

    Nachdem ich doch etwas groggy in Managua landete, versuchte mich dort eine Horde Taxifahrer zu koedern, mit ihnen in die Stadt zu fahren - zum Preis von 15 US-Dollar. Dies stand als Hoechstpreis auch in meinem Fuehrer. Dort stand aber auch, dass lokale Taxen ein paar Meter weiter an der Strasse nur 3 Dollar fordern... Dies sei aber gefaehrlich, wurde mir natuerlich im Flughafen versichert. Angesichts meines Gepaecks und meiner Muedigkeit einigte ich mich mit der Koordinatorin der Flughafen-Taxen dann auf einen Kompromiss von 10 Dollar - und wurde daraufhin freundlich zum Hostal meiner Wahl eskortiert. Dieses erwies sich fuer Nica-Verhaeltnisse als ganz schoen teuer. Ich will nun nicht in die Moserei einstimmen, die mich hier bei vielen (deutschen) Touris immer wieder nervt, aber es gibt denn doch Grenzen: schon mal die, wenn ich mich einfach nur "abgezockt" fuehle: Das angeblich einzig verfuegbare Einzelzimmer war ein "Loch", dessen Eingang von einer resoluten aelteren Frau mit Naehmaschine gehuetet wurde... Und dies fuer 5 Dollar?! Zu k.o fuer laengeres Suchen belegte ich dann ein Doppelzimmer mit eigenem Bad zum "Sonderpreis" von 8 Dollar. Es war tatsaechlich recht angenehm - abgesehen vielleicht von der Ameisenstrasse, die am naechsten Tag ueber meinen Lebensmittel-freien Tisch fuehrte. "Hormigas son amigas" (Ameisen sind Freunde..) war der einzige Kommentar des Diensthabenden dazu. :-)

    Wie auch immer - das Gaestehaus Santos ein paar Haeuser weiter, in das ich dann am naechsten Vormittag wechselte, kostete die Haelfte (auch mit 2 Betten und Dusche/WC im Zimmer)... Dort machte ich meine erste Begegnung mit ganz vielen US-Amerikaner/innen (hier "Gringos" genannt) auf einem Haufen, die sich immer wieder vor einem Fernseher zusammenfinden...

    Die Hauptstadt Nicaraguas Managua ist mit seiner ueber 1 Mio. Einwohner/innen eine reichlich versmoggte Stadt, die mir bisher am wenigsten gefaellt.. Das Erdbeben 1972, das ueber 20.000 Menschenleben (oder noch mehr?!) forderte und wohl ueber 300.000 Haeuser zerstoerte, praegt das Stadtbild noch heute.. So etwas wie eine Altstadt gibt es nicht. Die Ruine der alten Kathedrale stehen unrestauriert neben dem Regierungssitz.

    Managua
    Ausgebrannte Kathedrale im Zentrum Managuas


    Die in einiger Entfernung erbaute neue Kirche wird von den heimischen Nicas "Eierschachtel" genannt. Sie sieht auch so aus. Managua liegt am grossen Lago de Managua - eine riesig scheinende Wasserflaeche. Aber der dortige Malecon hat nichts von Havannas Flair... der Nica-Malecon ist eine Aneinanderreihung von ueberdachten Restaurants - jeweils mit Tanzflaeche und unterschiedlicher Musik.. mit einem kleinen Vergnuegungsort fuer Kinder (Karussel...) Und bei Daemmerung ein Mosquito-Paradies.

    EIN BISSCHEN GESCHICHTE...

    Managua wurde als "Notloesung" Hauptstadt Nicaraguas, da sich die beiden grossen alten Staedte Nicaraguas Leon und Granada sich weder guetlich noch kriegerisch einigen konnten, wem dieses Privileg zukaeme. Granada wurde von Fernandez de Cordoba 1524 als Nicaraguas aelteste Stadt am Ufer des Nicaragua-Sees und am Fuss des Mombacho-Volkans gegruendet. Durch seinen Zugang zum Meer durch den Nica-See ueber den Fluss San Juan wurde das konservative Granada rasch im 19. Jahrhundert zu einem bedeutenden Handelszentrum. Gegenspieler Granadas war das liberale Leon, Sitz der ersten Universitaet Nicaraguas. Um Granada auszustechen heuerte Leon sogar 1855, 34 Jahre nach der Unabhaengigkeit von Spanien den Gringo William Walker an. Dies bescherte Nicaragua die Einfuehrung von Sklaverei, die voruebergehend "offizielle Sprache englisch" - und eine Zeit gepraegt von Unterdrueckung und Krieg... bis Walker 1860 hingerichtet wurde. Mehr zu Nicaraguas Geschichte spaeter...

    In meiner Unterkunft in Managua lernte ich den Argentinier Facundo kennen. Uns einte sehr schnell der Abstand zu den fast ausschließlich englisch sprechenden anderen Touris. Gemeinsam erklommen wir den zentralen Huegel, auf dem neben einer Gefaengnis-Ruine ein weithin sichtbares Denkmals des Freiheitskämpfers Sandino steht. Nach ihm ist die "Guerrilla-Partei" Frente Sandinista para la Liberacion de la Nacion (FSLN) benannt.

    Managua
    Sandino-Denkmal


    Facundo und ich unternahmen am 1. November kilometerlange Fussmaersche durch das staubige Managua auf der Suche nach einem Friedhof. Am Dia de los Muertos (Totensonntag) besuchen Nicas ihre Verstorbenen auf dem Friedhof, picknicken und feiern dort mit ihnen. Irgendwann kurz vor Einbruch der Daemmerung kamen wir dann tatsaechlich beim Hauptfriedhof an... Eine Traube von Blumenverkaeufer/innen umschwaermte uns mit Blumen, Muchachos mit Schaufeln boten uns ihre Grabpflegedienste an. Spontan beschlossen wir, das verwahrloste Grab einer 1976 verstorbenen Isabel von Unrat befreien zu lassen und es zumindest mit einem einfachen Strauss zu schmuecken... Beide taten wir dies in Gedenken an verstorbene Familienangehörige. Ich dachte dabei an meine Oma und an den faszinierend-schoenen Grabstein, den meine Schwester ihr gehauen hat...

    WEITERREISE IM ZEITRAFFER...

    Am Tag drauf zogen mein argentinischer Begleiter und ich weiter gen Granada, von dort aus zum immer noch gefährlich dampfenden Vulkan Masaya. Während Facundo einen weiteren Tag in Managua blieg, machte ich mich auf in Richtung der Insel Ometepe. Diese Insel ist ein Traum mit zwei Vulkanen, den ich ca. 10 Tage genoss... Von dort aus schipperte ich via San Carlos zur auto- und internetfreien Kuenstler/innen-Insel Solentiname... Von dort aus ging meine Odyssee - schneller als mir lieb war - rueckwaerts gen Zivilisation...

    PLATA - PLATA - PLATA (= Geld...)

    Ich dachte, ich haette von meinem Finanzengpass in Bolivien gelernt, aber es erwischte mich wieder... Haette nicht gedacht, dass es nur in Granada, Managua und Leon Geldautomaten zu geben scheint... die wenigsten Banken oder Hotels hier tauschen Traveller-Schecks... Die einzige Chance scheint darin zu bestehen, diese Staedte mit entsprechenden Dollar- oder Cordoba-Mengen zu verlassen... oder nur Nobelunterkuenfte aufzusuchen, in denen es dann eventuell moeglich ist, mit Karte zu bezahlen. Aber auch darauf sollte sich moeglichst niemand verlassen.... :-)

    UND JETZT...

    ... bin ich seit gestern in Leon gelandet, der mit rund 140.000 Einwohner/innen wohl zweitgroessten und vom Klima her heissesten Stadt Nicaraguas... Sitze im ventilatorgekuehlten Internetraum und kratze mir immer wieder die Beine. Irgendwelche pieksenden kleinen Lebewesen sind hier viel haeufiger unterwegs als mir das lieb ist... DAS IMMERHIN bleibt Euch im kalten Deutschland erspart...

    MIR GEHTS GUT!

    Waermende moskitofreie Sonnengruesse an Euch alle!

    Babette

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